Fotografie

Wolfgang Hetzler

Fotografie und Realität

B.Bs. Aussage, daß die Fotografie

nichts mit der Realität zu tun hat - "Die Lage wird dadurch so kompliziert, daß weniger denn je eine einfache "Wiedergabe der Realität" etwas über die Realität aussagt. Eine Photographie der Krupp-Werke oder der AEG ergibt beinahe nichts über diese Institute (B. Brecht, 1931) - ist zunächst markig und verweist die Fotografie in den Bereich der einfachen Abbildung. Jedoch ist die ganze Angelegenheit nicht so einfach.

Als Fotograf ist man in den Prozeß, der wahrgenommen und bildlich umgesetzt wird, involviert; man kann sich nicht freimachen und die ganze Angelegenheit von aussen betrachten, diese Metaposition bleibt ums im Rahmen gesellschaftlicher Prozesse verwehrt.Man ist und bleibt zumindest teilnehmender Beobachter, dies ermöglicht die kritische Distanz, die eine dokumentarische Leistung als Ergebnis hervorbringen kann. Damit ist unsere Position nicht mehr frei und willkürlich, sondern an gesellschaftliche Übereinkünfte, Interpretationen und Normen gebunden. „Was wir sehen, ist nicht automatisch die Realität, sondern wir formen aus den Lichtwellen durch unser gelerntes Sehen die Realität. Also besteht die Realität in einer kollektiven Übereinkunft, wie die Umwelt, das gesellschaftliche Verhalten, gedeutet werden soll. Dies bedeutet aber nicht, dass alles relativ ist und jeder seine eigene Wahrheit hat. Sondern die Diskussion über Realität und ihre Definition bewegen sich in den engen kulturellen Grenzen der jeweiligen Kultur. Aufgabe der Fotografie ist es, sich an diesen kulturellen Grenzen zureiben und diese Grenzen zu erweitern."(Th. Leuner, Die Sehenden und die Blinden, 2006)

Diese Bestimmung setzt eine kritische Position der Fotografie: Ein Reiben und Erweitern der engen Grenzen. Dies ist keine abstrakte theoretische Bestimmung, sondern ein beständiger Prozeß der Auseinandersetzung. Dem leistet der Fotograf Folge, indem er seine Erfahrungen als Subjekt (der teilnehmende Beobachter) positiv nutzt : die Berichterstattung, geronnen in den Fotografien, wird dokumentarisch im Sinne von R. Barthes „dies ist geschehen".

Die Aktivierung der Perzeption sollte über die Position des Fotografen gelingen – der Fotograf erkennt und interpretiert im obigen Sinn. Mit dieser Position wird gar nicht erst versucht, eine statische Begriffsbestimmung als Paradigma der Fotografie zu setzen, sondern der Prozeß der beständigen Auseinandersetzung wird als Basis einer begrifflichen Bestimmung gesetzt. Fotografie ist somit niemals Kunst als L'art pur L'art – eine bloße Inszenierung – noch die Wiedergabe des Faktischen, sondern permanente Auseinandersetzung, die vielfältigen Strömungen und Einflüssen unterworfen ist. Damit verliert aber auch die Fotografie ihre Unschuld als eine rein technische Form der Abbildung.